Königsfeld im Schwarzwald

Leseprobe Abfahrt von Stuttgart 1817

Auf der Weinstaig stampften die Pferde die erste Meile mühsam in den gefrorenen Boden. Die Postkutsche ächzte und klebte an der Residenz, wollte nicht auf die Degerlocher Höhe und musste doch. Der Himmel senkte sich auf den Wagen herab. Keine Richtung war mehr auszumachen im Schneegrau, aus dem Regen fiel. Im Waldenbucher Tal hing Nebel und kroch zum alten Schloss hinauf. Die Poststation fertigte die Kutsche vor der Zeit ab. Es tagte und wurde nicht hell. In Tübingen kauten sie Rosinenweckle mit saurer Milch zum Frühstück. Die geheimen Gemächer waren besetzt. Hinter Rottenburg überquerten sie auf einer schmalen Brücke eine tiefe Schlucht. Ein froher Schrecken beim Anblick des Entsetzlichen, besser als jede Erziehung. Madame Hehl. Wie der Altschnee in der Sonne glitzerte. Bald wusch ihn der Regen weg und löschte das Stuttgarter Leben aus. Der Neckar rauschte und schäumte zwischen den hohen Felsen. Das Schmelzwasser riss alles mit sich. Sie schaukelten durch enge Dörfer und warfen den Kindern Zuckerstücklein in die Wohnstuben. Riesige Barbierbecken und Brezeln hingen an Stangen auf die Straße.

Leseprobe Kutschfahrt 1817

Im Hohenzollerischen war der Schlagbaum offen. Der Kutscher gab den Pferden die Peitsche. Sie wieherten und griffen weit aus. Hinter ihnen ertönte das Horn des Zolleinnehmers. Im Donner der Hufe flogen sie dahin und hielten erst in Sulz. Dort gab es keine frischen Pferde. Der Metzger half mit alten Mähren aus. Es begann zu schneien, aber die Flocken schmolzen wieder. Bei Schramberg steckten sie im Matsch. Zwei Ochsen zogen sie heraus. Die Straße war so schmal, dass niemand aussteigen konnte. Im Schritt tasteten sich die Pferde später voran. An der Grenze zum Badischen forderte der Zolleinnehmer Wegegeld. Sie sangen: »Großer König sei mit uns.« Ihre Stimmen vereinten sich zu einem Chor. Der Badener ließ ihre seltsame Fuhre fahren. Vier Mädchen aus Stuttgart auf dem Weg nach Königsfeld. Dabei eine Gouvernante und eine Frau, die sich Mutter nannte. Die Sonne stand blass und fahl am Himmel.

 

Leseprobe Ankunft 1817

Völlig zerschlagen erreichten sie nach zwei Tagen und einer Nacht die Poststation in Krum Schiltach. Dort wartete ein Wagen aus Königsfeld, der nur mit einer Plane gedeckt war. Der Kutscher trug eine schwarze Kappe und einen langen dunklen Mantel und stellte sich mit Bruder Seiler vor. Er lud sie auf wie Gepäck. Seine Hände, groß wie Bratpfannen, steckten in dicken Strickhandschuhen. Bei Peterzell ging es auf die Höhe. Die Pferde trugen Decken und dampften aus den Nüstern. Der Wagen rumpelte, bewegte sich kaum vorwärts, es war, als ob sie auf der Stelle fuhren. Steine knirschten, ihr Gefährt schwankte. Ein Rad krachte in ein Loch. Auf der Höhe tanzten Schneeflocken mit Sonnenstrahlen. Die Pferde zogen an und fielen in leichten Trab. Rechts lag ein großer Platz, links eine Häuserreihe. Die Sonne verschwand hinter den Bäumen. Sie bogen ab. Die Kutsche hielt, die Gäule äpfelten und brunzten. Knaben liefen in Zweierreihen über die weite Fläche, blieben vor dem Brunnen in der Mitte stehen und riefen: »Willkommen im Land des Herrn! Willkommen auf dem Feld des Königs!«

Leseprobe 1818

Louisle, kannst du dir vorstellen, wie es ist, keine Wassereimer schleppen zu müssen? Es gibt eine gar wunderbare Einrichtung hier im Schwesternhaus. Sie nennen es Wasserfahrt. Das Wasser kommt über ein Gefälle bis in unseren Waschraum. Wir legen einen Hebel um, und schon sprudelt es heraus. Jeden Morgen beim Bürsten der Zähne danken wir dem Herrn. Und Waldfeen gibt es hier, die dafür sorgen, dass wir immer genügend Ackersalat unter dem Schnee im Gartenbeet finden. Es geht mir wirklich gut hier, wenn nur du da wärst. Wie gerne würde ich dir schreiben, aber ich sollte wohl warten, damit man nicht wieder Anstoß nimmt. Getrocknete Vergissmeinnicht habe ich dir geschickt. Hast du die kleine Schachtel bekommen? Schwester Raillard hat sie gefaltet. Sie ist zu jeder Zeit um mich und hat ein Auge auf mich. Zinsendorf sagt: »Der Heiland hat die Art, wenn es die Sache erfordert und der Mühe wert ist, alle paar Minuten hervorzutreten und sich mitzuteilen.« An meinen Briefen ist nichts Verwerfliches außer meiner Geschwätzigkeit. Nach Pfingsten ziehen wir in den neuen Anbau des Schwesternhauses. Graf Franz von Heidelberg hatte nicht recht, sie hämmern und sägen hier mehr als in Stuttgart. Ich habe gelernt, wie eine Rumfordsuppe zubereitet wird. Graupen und Erbsen über Stunden in Wasser kochen, bis eine dicke, ganz sämige Suppe im Topf blubbert. Wie der Leim zum Buchbinden. So schmeckt es auch. Davon schreibe ich dir bald. Ich muss eilen.